Jahrestagung 2022: Aus einem Konzept wird Realität: Neue Therapien kommen in der Versorgung an

Berlin / Wien, 21. September 2022
Kaum ein Fachgebiet in der Medizin erlebt momentan eine derartige Wissensexplosion wie die Hämatologie und Medizinische Onkologie. Im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Medizinische Onkologie diskutieren Expertinnen und Experten erstmals seit der COVID-19-Pandemie wieder in Präsenz und tauschen sich zum aktuellen Stand der Diagnostik und Therapie von Blut- und Krebserkrankungen aus. Das Kongressprogramm macht die ganze Breite des Fachgebietes deutlich. Dabei sind die Bereiche Präzisionsmedizin und Immuntherapie sowie Palliativ- und Supportivmedizin nur einige der Schwerpunkte des diesjährigen Kongresses, der vom 7. bis 10. Oktober 2022 in Wien stattfindet.

Der enorme Zuwachs an neuem Wissen in der Hämatologie und Medizinischen Onkologie hat die Situation von Patientinnen und Patienten mit Blut- und Krebserkrankungen in den letzten Jahren und Jahrzehnten deutlich verbessert. Aktuell gibt es rasante Entwicklungen im Bereich der Immuntherapien – so zum Beispiel durch den Einsatz von CAR-T-Zellen und bispezifischen Antikörpern. Darüber hinaus rückt die personalisierte Medizin weiter in den Fokus. Der Innovationsbedarf ist hoch, und daher ist ein möglichst rascher Transfer neuer Erkenntnisse und innovativer Arzneimittel in die allgemeine Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Blut- und Krebserkrankungen von großer Bedeutung.

Diesen Herausforderungen trägt das diesjährige Kongressprogramm Rechnung: „Wir haben hochinteressante Sitzungen zusammengestellt. Zu den Themenschwerpunkten zählen unter anderem Präzisionsmedizin und Immuntherapie, Molekularpathologie- und biologie, Digitalisierung, Intensivmedizin, Palliativ- und Supportivmedizin sowie Rehabilitation und Nachsorge. Dabei soll nicht nur der aktuelle Stand des medizinischen Wissens dargestellt werden, wir wollen auch in die Zukunft blicken und über Perspektiven und mögliche Visionen im Bereich der Hämatologie und Onkologie diskutieren“, erklärt Prof. Dr. med. Matthias Preusser, Kongresspräsident und Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie der Universitätsklinik für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Wien. Darüber hinaus bietet der Kongress auch Raum für aktuelle gesellschafts- und gesundheitspolitische Themen wie Fragen rund um eine gerechte Krebsversorgung während und nach der Pandemie oder die Zuteilung von medizinischen Leistungen im Sinne einer Ressourcenallokation. Außerdem berücksichtigt das Programm Fragen zur Spezialisierung und Aufwertung der Pflege, der Diversitäts- und Individualmedizin sowie zu Kostensteigerungen im Gesundheitswesen.

Immuntherapie ist Programm
Ein weiterer Schwerpunkt, der sich im wissenschaftlichen Programm widerspiegelt, ist der Bereich der Immuntherapie. So beschäftigen sich am Freitag, 7. Oktober 2022 am frühen Nachmittag drei Sitzungen mit der Thematik: Die Inhalte umfassen die Zukunft zellulärer Immuntherapien, die CAR-T-Zelltherapie bei der chronisch lymphatischen Leukämie sowie neue Pharmakotherapien in der Thorax-Onkologie. Weitere Indikationen werden am Samstag, den 8. Oktober 2022 präsentiert – so zum Beispiel Immuntherapien bei Kopf-Hals-Tumoren, bei der akuten myeloischen Leukämie und Fortschritte in der Immuntherapie bei der Behandlung des Melanoms. Am Sonntag, 9. Oktober 2022 findet ein wissenschaftliches Symposium zur Therapie des Multiplen Myeloms statt – behandelt werden bispezifische Antikörper, die CAR-T-Zelltherapie sowie gezielte Tumortherapien wie zum Beispiel mit Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten.

„Mit den innovativen Arzneimitteln haben wir viele neue Möglichkeiten in unserem ‚medizinischen Instrumentenkasten‘, von denen unsere Patientinnen und Patienten im Versorgungsalltag profitieren. So eröffnet uns beispielsweise die die CAR-T-Zelltherapie neue Perspektiven für eine gezielte Immuntherapie maligner Erkrankungen mit kurativem Potenzial. Trotz spezifischer Limitationen ist dieser Therapieansatz für Patientinnen und Patienten mit bestimmten Krebserkrankungen eine attraktive und wertvolle Option“, betont Prof. Dr. med. Hermann Einsele, Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO und Direktor der Medizinischen Klinik II des Universitätsklinikums Würzburg.

Molekulare Tumordiagnostik im Fokus
Die Betrachtungsweise auf hämatologische und onkologische Erkrankungen hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. War früher primär die Lokalisation beispielsweise eines soliden Tumors für die Auswahl einer spezifischen medikamentösen Tumortherapie entscheidend, spielt heute die molekulare Tumordiagnostik eine zentrale Rolle für Prognose, Prädiktion und Therapieentscheidung. „Die Zulassung von bestimmten Krebsmedikamenten basiert bereits heute auf spezifischen molekulargenetischen Biomarkern bzw. auf molekulargenetischen Tumorcharakteristika, unabhängig davon, wo der Primärtumor lokalisiert ist“, so Einsele.

Ebenfalls im Fokus: Lebensqualität
Auch wenn medizinisch immer mehr möglich ist, sollten Fragen der Lebensqualität stets bedacht und im Rahmen einer gemeinsamen Entscheidungsfindung von Patientinnen und Patienten und ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten berücksichtigt werden. „In der Hämatologie und Onkologie können wir unter anderem durch den Einsatz von neuen Arzneimitteln immer mehr. Aber auch in der Medizin gilt eben manchmal der Leitsatz ‚Mehr ist nicht immer mehr‘. So gibt es Punkte im Krankheitsverlauf, an denen es vor allem darum geht, gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten zu besprechen, was für sie zum jetzigen Zeitpunkt besonders wichtig ist. Als Ärztinnen und Ärzte fühlen wir uns stets dem Patientenwohl in allen Behandlungssituationen verpflichtet. Wenn also beispielsweise in der letzten Lebensphase eine stark ausgeprägte Angstsymptomatik im Mittelpunkt steht, dann ist es unsere Aufgabe, unseren Patientinnen und Patienten durch den Einsatz von supportiv - und palliativmedizinischen Maßnahmen diese Angst zu nehmen“, so Einsele.

Zugang zu onkologischen Therapien für Härtefälle
Selbst wenn nicht alle aktuellen gesundheitspolitischen Themen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz dezidiert im Programm der Jahrestagung enthalten sind, spielen sie dennoch eine Rolle. So weist Dr. med. Volker Kirchner, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (SGMO), darauf hin, dass es in der Schweiz in Einzelfällen vorkommen könne, dass Patientinnen und Patienten eine medizinisch dringend benötigte Behandlung im Rahmen einer Off-Label-Medikation von der Krankenversicherung nicht vergütet bekommen. „Für die Betroffenen wie auch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte stellen diese Ablehnungen eine große Belastung dar. Aus diesem Grund haben wir gemeinsam mit zwei Vertretern der pharmazeutischen Industrie als Fachgesellschaft das Projekt ‚Swiss Patient Access Program‘ (SPAP) initiiert. Im Rahmen dieses Pilotprojektes können wir Patientinnen und Patienten mit Wohnsitz in der Schweiz Zugang zu ausgewählten onkologischen Arzneimitteln ermöglichen, sofern diese medizinisch notwendig sind und deren Vergütung von der Krankenversicherung zweimal abgelehnt wurde.“ Eine weitere Voraussetzung für die Bewilligung der Kostenübernahme ist, dass zwei von der SGMO zur Verfügung gestellte Expertinnen und Experten unabhängig voneinander zu dem Schluss kommen, dass ein Therapieversuch mit einem entsprechenden Arzneimittel indiziert ist. Patientinnen und Patienten, denen die Therapie aufgrund der Experteneinschätzung ermöglicht wird, wird die Medikation von den beteiligten Pharmafirmen kostenfrei zur Verfügung gestellt. „Im Rahmen dieses Pilotprojektes sind bisher mehr als 250 Fälle geprüft worden, wobei etwa ein Drittel der Anträge abgelehnt wurde. Dies belegt, dass der Einbezug von unabhängigen klinischen Experten in der Entscheidungsfindung einen Mehrwert für die Patienten bringt.“ Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet und endet zum 31. Dezember 2022. Die SGMO bereitet aktuell ein Nachfolgeprojekt von SPAP vor und erhält hierbei Unterstützung von namhaften Organisationen.

Enge Zusammenarbeit zwischen Labor und Klinik
Prof. Dr. med. Michel Duchosal, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Hämatologie (SGH), hebt die Breite des Fachgebietes hervor. „Die Kompetenzen des schweizerischen Facharztes für Hämatologie umfassen die Bereiche Diagnostik, Therapie und Prävention von Erkrankungen der hämatopoetischen, lymphatischen und hämostaseologischen Systeme. „Hier erlaubt uns eine horizontale und vertikale Organisation mit dynamischen Interaktionen zwischen Labor, Klinik, Transfusionszentrum und Forschung eine optimale Versorgung unserer Patientinnen und Patienten. Diesem System widmen wir uns derzeit mit dem Projekt ‚Keeping lab & and clinic together‘“, so Duchosal.

Ausführliche Informationen unter: https://www.jahrestagung-haematologie-onkologie.com/

Über die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO)
Die DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V. besteht seit über 80 Jahren und hat heute 4.000 Mitglieder, die in der Erforschung und Behandlung hämatologischer und onkologischer Erkrankungen tätig sind. Mit ihrem Engagement in der Aus-, Fort- und Weiterbildung, mit der Erstellung der Onkopedia-Leitlinien, mit der Wissensdatenbank, mit der Durchführung von Fachtagungen und Fortbildungsseminaren sowie mit ihrem gesundheitspolitischen Engagement fördert die Fachgesellschaft die hochwertige Versorgung von Patientinnen und Patienten im Fachgebiet.

Über die Österreichische Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (OeGHO)
Die Österreichische Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie hat sich zum Ziel gesetzt, die Betreuung von Patientinnen und Patienten österreichweit an den höchsten Standard heranzuführen. Die OeGHO zählt als Fachgesellschaft aktuell ca. 830 Mitglieder, von denen ein Großteil Fachärztinnen und Fachärzten für Innere Medizin mit Additivfach Hämatologie und Internistischer Onkologie sind. Neben der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegekräften, der Festlegung von Standards für die Facharztausbildung und Ausbildungsstätten und der Erarbeitung von Leitlinien will die OeGHO die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen allen an der Krebstherapie Beteiligten und die Forschung auf dem Gebiet der Hämatologie und Onkologie aktiv fördern.

Über die Schweizerische Gesellschaft für medizinische Onkologie (SGMO)
Die SGMO ist die medizinische Fachgesellschaft der medizinischen Onkologinnen und Onkologen gemäß Art. 19 der FMH-Statuten (FMH = Foederatio Medicorum Helveticorum). Sie umfasst aktuell 410 Mitglieder und hat u. a. folgenden Zweck:
• Sicherstellen der Fort- und Weiterbildung in der medizinischen Onkologie
• Qualitätssicherung und -förderung in der medizinischen Onkologie
• Förderung der integrierten Betreuung von Tumorpatienten
• Interessenvertretung gegenüber Politik, Kostenträgern und anderen Akteu¬ren
• Öffentlichkeitsarbeit

Über die Schweizerische Gesellschaft für Hämatologie (SGH)
Die SGH ist die medizinische Fachgesellschaft der HämatologInnen gemäß Art. 19 der FMH-Statuten (FMH = Foederatio Medicorum Helveticorum). Sie umfasst aktuell 350 Mitglieder und hat u.a. folgenden Zweck:
• Sicherstellen der Fort- und Weiterbildung in der Hämatologie
• Qualitätssicherung und -förderung in der Hämatologie
• Interessenvertretung gegenüber Politik, Kostenträgern und anderen Akteuren
• Öffentlichkeitsarbeit

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