Krebsprävention geht uns alle an Dass Früherkennung auch hoch-innovative Potenziale be- sitzt, zeigte der Beitrag von Dr. Sarah Haggenmüller vom DKFZ in Heidelberg. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) könne die Qualität des Hautkrebs-Screenings verbes- sern – auch mit dem Ziel, es insbesondere Hausärztinnen und Hausärzten zu erleichtern, eine qualitativ hochwertige Früherkennung anzubieten. Entsprechende Algorithmen müssten aber auf Basis von möglichst umfassenden Daten- sätzen trainiert werden, damit sie robust genug sind, um in unterschiedlichen Einrichtungen und Lichtverhältnissen zu- verlässig zu funktionieren. Im professionellen Umfeld plä- dierte Haggenmüller für den Einsatz von sogenannten Ex- plainable-AI-Systemen, die ihre Verdachtsdiagnosen auch begründen. Solche Algorithmen könnten beispielsweise in ein Dermatoskop integriert werden. So steht die KI-Unter- stützung inklusive Erläuterungen unmittelbar im Screening- Workflow zur Verfügung. Noch Forschungsbedarf bei risikoadaptierter Frühtherapie Noch eine Stufe weiter vorne setzen risikobasierte Frühthe- rapien an. Diese haben insofern präventiven Charakter, als sie darauf abzielen, zu verhindern, dass aus Krebsvorstufen eine manifeste Krebserkrankung wird bzw. dass Krebsfrüh- stadien sich rapide verschlechtern. Das ist nicht zuletzt in der Hämatologie relevant, wo es mit der klonalen Hämatopo- ese von unklarem Potenzial (CHIP), der frühen chronischen lymphatischen Leukämie oder den monoklonalen Gammo- pathien unklarer Signifikanz (MGUS) bzw. dem Smoldering Multiplen Myelom (SMM) gleich mehrere solcher Frühsta- dien gibt. Damit ärztlich umzugehen, sei oft schwierig, betonte DGHO- Vorstandsmitglied Prof. Dr. med. Martin Bentz, Direktor der Medizinischen Klinik III am Städtischen Klinikum Karls- ruhe: „Teilweise bewegen wir uns hier an der Schwelle von alterndem Immunsystem zu beginnender Krebserkrankung.“ Mittels moderner Krebstherapien kann die Progression von Vorstufen/Frühstadien in Richtung klinisch manifester Krebserkrankungen in einigen Konstellationen abgebremst oder im Idealfall verhindert werden. „Pauschale Therapie- empfehlungen helfen an dieser Stelle aber nicht weiter. Es gilt, Patientinnen und Patienten individuell zu betrachten und einen möglichen Nutzen früher oder präventiver The- rapien abzuwägen mit Nebenwirkungen und Lebensquali- tätseinschränkungen, die solche Behandlungen immer auch haben“, so Bentz weiter. Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe Zum Abschluss der DGHO-Frühjahrstagung machte Prof. Dr. med. Claudia Baldus deutlich: „Die Vielfalt der Beiträge im Rahmen der Frühjahrstagung hat uns noch einmal die Breite des Themas vor Augen geführt. Krebsprävention ist ein zen- traler Schlüssel für die Zukunft der Krebsmedizin. Sie lebt vom Austausch der Perspektiven, der interdisziplinären und interprofessionellen Entwicklung von Ideen und der gemein- samen Umsetzung. Damit ist klar: Krebsprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Filmvorführung im Rahmen der Frühjahrstagung GVH – Graft versus Host IGOR WOLFGANG BLAU Wir Hämatologen sind mit diesen 3 Worten vertraut. Jedoch stutzen wir. Heißt es nicht Graft versus Host Di- sease? Also eine Krankheit gemacht vom Graft, dem Transplantat, das gegen den Empfänger, den Wirt, vor- geht. Eine Krankheit, die es in der Na- tur nicht gibt, von Menschen erschaf- fen also. Folge der Übertragung von Stammzellen der Hämatopoese und mit ihnen die Immunzellen; ein neues Immunsystem entsteht. Eine Heilung von einer tödli- chen Leukämie: Zunächst totale Zerstörung etwa wie in Hiroshi- ma, dann das neue lebensbejahende Knochenmark. So erzählt es der Patient, der es erfährt und sich filmt, denn er ist Regisseur. Giorgio Gago Gagoshidze, junger in Berlin lebender Geor- gier bekommt in der Charité die myeloablative Konditionie- rung und die Übertragung der haploidentischen Stammzellen von seinem Vater. Auch diese Geschichte ist Teil der Dokumen- tation. Hier lernen wir georgische Wirklichkeit kennen. Und dann sehen wir ebensolche Wirklichkeit: der Zerfall des sow- jetischen Systems und die Keimzellen eines Neuen. Demons- trationen, Polizeigewalt in Moskau und Tbilissi – Kampf von Altem und Neuem. Wir hören Regierungschef Tschubais: wie die Eigentumsverhältnisse sich änderten, Zerfall ohne Entste- hung gesunder neuer Strukturen. Dann Gorbatschov, Reagen, Schewardnadse als Zeugen und Täter. Und in den polizeige- waltigen Demonstrationen: Graft versus Host (Disease) – eine menschengemachte Krankheit auf Leben und Tod. Im Unterschied zur heilenden Wirkung der Transplantation sieht der Autor in der Menschengesellschaft keine Heilung nach der Auseinandersetzung - nur weiter Krankheit, Fäulnis, Verachtung. Kein Entwurf zeigt sich, kein Plan existiert. Währenddessen erklärt der Arzt in der Charité (ich) biologi- sche, medizinische Abläufe der GVHD des Patienten und seine Chance auf Heilung, die letztlich eintritt. Für die Gesellschaft der Menschen, die postsowjetische Gesellschaft, gibt es diese bis heute nicht. Die Übertragung einer Situation, die lebensbedrohend ist und auf individueller Ebene durch die erfolgreiche Behandlung einer Krankheit lösbar ist, wird auf kollektiver Ebene unmög- lich, ist in der Kunst eine nicht alltägliche Methode. Bei Geor- gio Gagozhidze sehen wir Bilder der „Zerstörung“ des Patienten durch Krankheit und Behandlung (im Sinne einer Katharsis) die sich mit der realen Zerstörung in der menschlichen Gesellschaft und darüber hinaus überlappen: der Abbruch der Fassaden des Campus Benjamin Franklin der Charité, prügelnde, Tod in Kauf nehmende Sicherheitskräfte während der Demonstrationen in der postsowjetischen Zeit, im Gegensatz kommentierende, zy- nische Politiker. Ziel war Zerstörung, der Aufbau eines neuen Systems war kein Anspruch, alles blieb in der Zerstörung, in der „GVH“ zurück. In der kollektiven Welt gab es keine Katharsis. Die Musik begleitet die Tragik in treibender Weise. Am Ende bleiben unbewältigte Schmerzen trotz des Glü- ckes des Patienten Filmemachers. linale, weitere Festivalteilnahmen sind geplant. Ein eindrucksvoller Kurzfilm, ein großer Erfolg auf der Ber- ALLGEMEIN 9 DGHO-Mitgliederrundschreiben 2 | 2026 Giorgi Gago Gagoshidze