Geschichtsaufarbeitung und wissenschaftliche Exzellenz im Mittelpunkt der Jahrestagung der deutschsprachigen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie

23. Oktober 2012
Die DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie e.V. wagte während ihrer Jahrestagung in Stuttgart vom 19. bis 23. Oktober die kritische Auseinandersetzung mit ihrer 75-jährigen wechselhaften Geschichte und zeichnet darüber hinaus drei verdiente Vertreter der Hämatologie mit der Ehrenmitgliedschaft der Fachgesellschaft aus.


Mit der Veröffentlichung des Buches über die Geschichte der Fachgesellschaft im Spiegel ihrer Ehrenmitglieder beging die DGHO ihr 75-jähriges Jubiläum. „Mit diesem Gegenentwurf einer klassischen Festschrift beginnen wir die historische Aufarbeitung der Geschichte der Fachgesellschaft. Wir sind froh, die Diskussion und historische Reflexion auf unserer Jahrestagung unter den Teilnehmern entfacht zu haben“, resümiert der Geschäftsführende Vorsitzende der DGHO, Prof. Gerhard Ehninger.

Neben der Mehrheit verdienter und international renommierter Wissenschaftler aus den Bereichen der Hämatologie und Onkologie in Ost und West finden sich in zeittypischer Weise auch einige „Schwarze Schafe“ unter den Ehrenmit¬gliedern, so ein Generalleutnant der Waffen-SS, der sich einer Verurteilung als Kriegsverbrecher durch Selbstmord entzog, oder 40 Jahre später ein inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, der über 15 Jahre seine Kollegen im In- und Ausland systematisch ausspionierte. So spiegeln die Biografien der Ehrenmitglieder nicht nur die wissenschaftliche Exzellenz der Fachgesellschaft wider, sondern ebenso die wechselhafte deutsche Mentalitätsgeschichte im 20. Jahrhundert.

Für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der medizinischen Fachgesellschaft stellte die DGHO den Medizinhistoriker Prof. Peter Voswinckel ein. Im zweiten Teil des nun veröffentlichten Jubiläumsbuches – begleitet von einer Ausstellung auf der Jahrestagung in Stuttgart – thematisierte Voswinckel die „Verweigerte Ehre“ und dokumentierte den Verrat deutscher Hämatologen an ihrem Nestor, dem jüdischen Kollegen Hans Hirschfeld, Professor an der Charité in Berlin. Im Dritten Reich und auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eigneten sich Kollegen das geistige und materielle Eigentum des damals führenden Hämatologen Hirschfeld an. Beispielhaft für die Aufarbeitung gegen das Vergessen ist die Korrektur der Angaben zu Hirschfelds Tod. „Er starb im Jahr 1944 im KZ Theresienstadt und nicht – wie häufig kolportiert – 1929 in Berlin“, so Voswinckel. Ein Gedenkvortrag von Dr. Thomas Benter über das von Repressalien und Verrat geprägte Wissenschaftlerleben des international bekannten Blutforschers komplettierte den kritischen Schulterblick der Hämatologen und Onkologen während eines eigenen Symposiums.

In Stuttgart zeichnete die DGHO weiterhin drei verdiente Hämatologen mit der Ehrenmitgliedschaft aus. Prof. Karl Welte wurde für seine Verdienste um die Entwicklung von sogenannten GCS-Faktoren geehrt, die heute klinisch in der Behandlung von Neutropenien, Akuten Leukämien oder bei Blutstammzelltransplantationen zum Einsatz kommen. Prof. Martin Körbling war in den 70er und 80er Jahren an der Entdeckung des therapeutischen Potentials peripherer Blutstammzellen beteiligt. Heute werden per Apherese Blutstammzellen entnommen, die Patientinnen und Patienten mit bösartigen Erkrankungen des blutbildenden Systems appliziert werden. Prof. Hans-Jochem Kolb wurde für seine herausragenden Verdienste um die Entwicklung der Spenderlymphozytentransplantation ausgezeichnet.

Erstmalig in Stuttgart und zum ersten Mal unter der Leitung einer Kongresspräsidentin fanden sich knapp 5.000 Teilnehmer zur Jahrestagung der deutschsprachigen Hämatologie und Onkologie ein. Das Treffen der führenden Onkologen und Hämatologen wurde unter der Präsidentschaft der Brustkrebsspezialistin Prof. Else Heidemann, Chefärztin des Diakonie-Klinikums und Vorsitzende des Onkologischen Schwerpunktes Stuttgart, abgehalten. Mehr noch als in den Jahren zuvor wurde der Bedeutung der gemeinsamen Betreuung der Patienten durch eine zweitägige, von Ärzten und Pflegekräften zusammen konzipierte Pflegetagung im Rahmen des Kongresses Rechnung getragen. Die Betreuung der Patienten stand auch bei dem veranstaltungsübergreifenden Thema „Überprüfung der Versorgungsqualität durch Versorgungsforschung“ im Mittelpunkt. 2013 treffen sich die Spezialisten für Krebs- und Bluterkrankungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in Wien.

Rezensionsexemplare des Jubiläumsbandes „Die Geschichte der DGHO im Spiegel ihrer Ehrenmitglieder“ sind über das DGHO-Hauptstadtbüro zu beziehen.

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