Hintergrundinformationen: MabCampath aus kommerziellen Gründen vom Markt genommen

28.08.2012

Im August 2012 wurde MabCampath® von Sanofi-Aventis vom Markt genommen. Die DGHO sieht darin eine deutliche Verschlechterung der Versorgung von CLL Patienten. Hier eine  Zusammenfassung der Hintergründe:

Geschichte des Medikamentes
Alemtuzumab ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper gegen das CD52 Antigen auf Lymphozyten und Monozyten. Alemtuzumab ist eine Weiterentwicklung von CAMPATH-1. Die ersten Nachweise auf eine klinische Wirksamkeit von CAMPATH-1 reichen zurück bis in das Jahr 1983. Es folgte eine ganze Reihe von Studien zum Einsatz von Alemtuzumab bei sehr unterschiedlichen Indikationen. Als Immunmodulator ist Alemtuzumab effektiv u. a. bei der allogenen Stammzelltransplantation zur Reduktion der GvHD, bei der Nierentransplantation zur Verhinderung der akuten Abstoßung, bei ITP, Aplastischer Anämie und multipler Sklerose (MS). Antineoplastisch ist Alemtuzumab wirksam bei der CLL, bei T Zell Lymphomen und bei der ALL. Unter dem Handelsnamen MabCampath® wurde es 2001 von der European Medicines Agency (EMA) für die Therapie der CLL zugelassen.

Alemtuzumab bei Chronischer Lymphatischer Leukämie (CLL)
Alemtuzumab ist wirksam in der Erst- und der Zweitlinientherapie von Patienten mit CLL. Besonders beeindruckend sind die Ergebnisse bei Patienten mit Inaktivierung von p53 durch  eine Deletion 17p13 oder Mutationen. Diese genetische Veränderung ist mit einer schlechten Prognose assoziiert. Aufgrund überzeugender Daten der deutschen und internationaler Studiengruppen hat sich die DGHO Ende 2011 entschieden, Alemtuzumab erstmals für die Erstlinientherapie dieser Patienten und weiterhin für die Zweitlinientherapie auch anderer CLL Patienten zu empfehlen, https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/chronische-lymphatische-leukaemie-cll/@@view/html/index.html. Das Behandlungsschema sieht eine eskalierende Therapie in der ersten Woche bis auf 30 mg vor. In dieser Dosierung wird die Behandlung dreimal wöchentlich für bis zu 12 Wochen fortgesetzt. Die verabreichte Gesamtdosis von Alemtuzumab in einem vollständigen Zyklus liegt bei über 1000 mg.

Alemtuzumab bei Multipler Sklerose (MS)
Die ersten Beobachtungen zur Wirksamkeit von Alemtuzumab bei MS Patienten stammen aus dem Jahr 1991. Im Dezember 2002 startete CAMMS223, eine randomisierte Phase 2 Studie bei bisher unbehandelten MS Patienten. In einem 1:1:1 Design wurden zwei verschiedene Dosierungen von Alemtuzumab (12 und 24 mg) mit Interferon beta 1a verglichen. Unter Alemtuzumab wurde eine signifikante Verbesserung der klinischen Symptomatik und der bildgebenden Veränderungen im Cerebrum erreicht. Diese Daten wurden erstmals 2008 publiziert, dann in Folgebeobachtungen bestätigt. Die wirksame Dosis von Alemtuzumab beträgt 12 mg, appliziert über 5 aufeinanderfolgende Tage. Diese Therapie wurde in den beiden darauffolgenden Jahren wiederholt, dann über insgesamt 3 Tage. Die verabreichte Gesamtdosis von Alemtuzumab liegt im ersten Jahr bei 60 mg, in den Folgejahren bei 36 mg.

Rückgabe der Zulassung von MabCampath
Im August 2012 hat die EMA die Öffentlichkeit informiert, dass Genzyme die Marktzulassung von MabCampath zurückgegeben hat. Genzyme hat über eine englische Firma den kostenlosen Import von MabCampath aus den USA organisiert.
Die Rücknahme der Zulassung erfolgte aus kommerziellen Gründen. Genzyme, inzwischen von Sanofi Aventis übernommen, bereitet die Zulassung von Alemtuzumab für die Multiple Sklerose vor. Der Handelsname ist Lemtrada®. Ziel ist es, für die viel niedrigere Dosierung von Alemtuzumab bei MS einen höheren Verkaufspreis zu erzielen. Diese Strategie war Teil des Übernahmevertrags von Genzyme. Bei der Übernahme Anfang 2011 hatte Sanofi den Aktionären ein ‚tradable contingent value right (CVR)‘ auf den Erfolg von Lemtrada zugestanden. Das sind Zahlungen, die an den wirtschaftlichen Erfolg von Lemtrada geknüpft sind.

Was kümmert das die DGHO?
Die wesentlichen Fortschritte der letzten Jahre sind in der Hämatologie und Onkologie durch neue Medikamente erzielt worden. Die DGHO fördert die translationale Forschung, unterstützt klinische Studien, begleitet diesbezügliche politische Aktivitäten, einschl. der aktuellen Nutzen-Risiko-Bewertungen, und ist in intensivem Dialog mit der Pharmazeutischen Industrie. Diese Kooperation ist die Basis der Innovationen.
Wirtschaftliches Unternehmertum in Deutschland erfordert auch die Erfüllung ethisch moralischer Verpflichtungen. In der Vergangenheit wurden gelegentlich wirksame Medikamente für Patienten aus unserem Fachgebiet kurzfristig aus nicht-medizinischen Gründen vom Markt genommen. Beispiele sind Iressa® beim Nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom und Lymphoglobulin® bei der Aplastischen Anämie. In beiden Fällen litt die Behandlung der betroffenen Patienten. Übrigens wurde auch für beide Medikamente später in Phase 3 Studien ihre überlegene Wirksamkeit belegt.
Die Versorgung der CLL Patienten wird durch die Marktrücknahme von MabCampath verschlechtert. Der bürokratische Aufwand steigt, gleichzeitig fehlt dem Patienten die Sicherheit und Überwachung eines zugelassenen Medikamentes.


Bernhard Wörmann

DGHO_Hintergrundinformationen MabCampath.pdf